Gutachten des Instituts für Slavistik -Deutsch-Slavische Namenforschung- der Universität Leipzig:

 

Wie Sie mitteilen ist Hannebrook der Name des Hofes in Hoogstede, von dem Ihre Familie stammt, der als Familienname weitergegeben wurde. Nach den von Ihnen ermittelten Quellen von 1324 und 1440 lautete der Name ursprünglich Anebrocke (dat hues to Anebrocke) bzw. Anebroke (dat erve to Anebroke), als Familiennamenvarianten konnten Sie aus jüngerer Zeit (nach 1700) die Formen Hanebrock und Hannebrock ermitteln.

Die glücklicherweise sehr frühen Formen Anebrocke und Anebroke weisen den Weg zur richtigen Namensdeutung. Doch stehen trotzdem drei Möglichkeiten nebeneinander, die sprachlich plausibel sind und inhaltlich abgewogen werden müssen.

Zunächst ist da natürlich das mittelniederdeutsche Wort brôk, brûk (der Querstrich kennzeichnet den Vokal als lang gesprochen, das lange -o- wird heute in Hannebrook durch die Doppel-o-schreibung ausgedrückt) "Bruch, tiefliegende, von Wasser durchflossene, mit Gehölz bestandene Fläche; Sumpf-, Moorland, niedriges, nasses Uferland". Das Erstglied des Namens wäre in diesem Falle mit mittelniederdeutsch an, âne, anne "in, inmitten, entlang, an, bei; nach zu, bis zu, gegen zu, in Richtung auf" zu verbinden, die Bedeutung des Hofnamens wäre "im Bruch, am Bruch, beim Bruch".

Sowohl für die Lautform âne als auch für brôk sind im Mittelniederdeutschen, der hoch- und spätmittelalterlichen Sprachstufe des Niederdeutschen, weitere Bedeutungen einzubeziehen.

Mittelniederdeutsch âne, ân bedeutet auch "ohne". Der Familienname Anacker bezeichnete den Besitzlosen, den, der "ohne Acker" war, der Familienname Ansorg ist mit Ohn(e)sorg(e) zu vergleichen, er bezeichnete den Unbekümmerten. Diese Bezeichnungen waren eine Art Spitzname (als Namenkategorie Übernamen genannt), die sich auf Gewohnheiten, Lebensumstände, Wesensarten, aber auch einmalige Ereignisse im Leben des Benannten bezogen.

Im Namen Anebroke kann theoretisch auch das mittelniederdeutsche Wort brõk "kurze Hose, die den Oberschenkel bedeckt, das Beinkleid der Oberschenkel" stecken, der Name könnte "ohne Hose" bedeuten und die Besonderheit, dass die Person in irgendeiner Situation ohne Hose war, als Scherzname aufgegriffen haben. Die Frage ist hier natürlich, ob man zu der Zeit der Beinamengebung auf dem Lande überhaupt Hosen trug - die Bauern wie auch generell die Bevölkerung trugen über Jahrhunderte Röcke und Kittel, bis sich die Hose erst in der Neuzeit lagsam durchsetzte.

Die dritte Möglichkeit ist das mittelniederdeutsche Wort brok, brôk. brôke, brock, bröke "Mangel" (vgl. brok hebben an "Mangel haben an etwas, etwas entbehren"). Das Mittelniederdeutsche Wörterbuch von Schiller/Lübben, Bd.1, Bremen 1875, S. 428 nennt dazu z.B. den Beleg de blef ane brok "der blieb ohne Schaden". Auch in diesem Fall wäre der Name als Übername zu sehen, der den Benannten als jemanden ausweist, der keinen Mangel litt.

Da der Name Anebroke aber bereits im Jahr 1324 als fester Hofname auftritt, ist wohl eher von einer Örtlichkeitsbezeichnung "am, beim Bruch" auszugehen. Setzt man die Übernamen an, müsste ein früher Beiname des ersten Hofbesitzers, des Erbauers ("ohne Hose", "ohne Mangel"), auf den Hof übergegangen sein, doch sind Örtlichkeitsbezeichnungen gerade in den ländlichen Gegenden Westfalens und Niedersachsens in Hof- und Familiennamen, die auf die Lage der Wohnstätte weisen, weitaus häufiger. Aus diesem Grunde ist der Bezug des Hofnamens auf seine Lage an einer sumpfigen Stelle bzw. die Lage in Richtung auf Moorland zu vorzuziehen. Auch wenn der Hof selbst vor Überschwemmungen geschützt lag, kann er ja durchaus dem feuchten Gebiet am nächsten gelegen haben.

Warum die Schreibweise mit vorgesetztem H- eintritt, ist sprachlich nicht zu begründen. Vielleicht deutete der "verantwortliche" Schreiber den Hahn ein, mittelniederdeutsch hâne, und den Hofnamen als „Hahnenbruch“. Später allerdings wurde der Vokal verkürzt, aus Hane- entstand Hanne-, wofür wiederum eine sprachliche Erklärung fehlt, es sei denn, man dachte inzwischen an eine Verbindung zum Rufnamen Johannes.

Leipzig, den 28.11.2005
Franziska Menzel, M.A.
Namenberatung der Universität Leipzig